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Industriegeschichte am Rhein: Spuren nahe Meerbusch

Vom Areal Böhler bis nach Bonn: Sieben ehemalige Fabrikstandorte zeigen, wie Industriearchitektur heute weiterlebt.

Meerbusch Bewegt · 2026-11-06
Alte Fabriken am Rhein
Alte Fabriken am Rhein · Rhein Bewegt

Backstein, Stahlträger und große Hallen erzählen von einer Zeit, in der am Rhein Gummi, Kabel, Stahl, Zement, Brot und Jute hergestellt wurden. In vielen Fabriken ist die Produktion längst beendet. Ihre Gebäude sind jedoch zum Teil erhalten geblieben und dienen heute als Wohnraum, Arbeitsorte oder Kulturstätten.

Für Meerbuscherinnen und Meerbuscher ist besonders ein Beispiel interessant: Das Areal Böhler liegt an der Stadtgrenze zwischen Düsseldorf und Meerbusch. Die weiteren Standorte in Köln und Bonn zeigen, wie unterschiedlich das industrielle Erbe in der Region weitergenutzt wird.

Am nächsten dran: das Areal Böhler

1914 begann an der Stadtgrenze zwischen Düsseldorf und Meerbusch die Geschichte eines großen Stahlwerks. Auf dem Gelände wurden über Jahrzehnte hochwertige Stahlerzeugnisse hergestellt und verarbeitet. Als sich die Stahlindustrie wandelte, verlor der Standort seine ursprüngliche Funktion. Nach der Stilllegung setzte 2012 die schrittweise Revitalisierung ein.

Fabriken und mehr
Fabriken und mehr · Rhein Bewegt

Heute wird das Areal für Unternehmen, Messen, Sport, Gastronomie und Veranstaltungen genutzt. Backsteinfassaden, Stahlträger und weitläufige Hallen machen die frühere industrielle Dimension weiterhin sichtbar. Die Gebäude sind dabei mehr als eine Kulisse: Ihre Größe lässt erahnen, wie sehr die Architektur auf Produktion und Arbeit ausgerichtet war.

Das Areal Böhler ist ein guter Ausgangspunkt, um über Industriegeschichte in der eigenen Region nachzudenken. Es zeigt zugleich, dass eine neue Nutzung nicht automatisch bedeutet, dass die Vergangenheit verschwindet. Welche Angebote dort aktuell stattfinden und welche Bereiche zugänglich sind, kann sich ändern; die frühere Nutzung und der heutige Wandel sind davon unabhängig erkennbar.

Köln: Fabriken werden zu Quartieren und Kulturorten

Clouth-Quartier: Gummiwaren und Stadtentwicklung

Die Rheinische Gummiwarenfabrik Franz Clouth nahm 1868 in Köln-Nippes den Betrieb auf. Sie produzierte unter anderem Förderbänder und technische Gummiwaren. Das Werk prägte den Stadtteil über mehr als ein Jahrhundert. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein großer Teil zerstört; nach Kriegsende lief die Produktion wieder an. 1962 beschäftigte das Unternehmen mehr als 2.200 Menschen.

Rhein und Wirtschaft
Rhein und Wirtschaft · Rhein Bewegt

Die Gummiwarenproduktion endete 1992. Mit dem Ende der Förderbandfertigung im Dezember 2005 wurde auch die industrielle Produktion am Standort eingestellt. Auf dem rund 14,5 Hektar großen Gelände entstand das Clouth-Quartier mit Wohnungen, Büros, Bildungseinrichtungen und Gastronomie. Es bietet Wohnraum für ungefähr 3.000 Menschen.

Besonders anschaulich ist die ehemalige Halle 17: Ihre Backsteinfassade und Stahlkonstruktion wurden in einen modernen Wohn- und Gewerbekomplex integriert. Seit 2023 dokumentiert außerdem ein historischer Pfad mit 14 Stationen die Vergangenheit des Geländes. So wird der Wandel nicht nur an einzelnen Gebäuden, sondern auch durch Informationen zur früheren Nutzung sichtbar.

Carlswerk: Kabel für Infrastruktur und Kommunikation

In Köln-Mülheim eröffnete Felten & Guilleaume 1874 einen großen Standort für Draht- und Kabelproduktion. Die Erzeugnisse wurden auch bei bedeutenden Infrastrukturprojekten eingesetzt. 1904 war das Carlswerk an der Herstellung eines frühen transatlantischen Telefonkabels beteiligt; auch die Tragseile der Mülheimer und der Rodenkirchener Brücke stammten aus der Produktion. Zeitweise arbeiteten in der Draht- und Kabelfertigung bis zu 18.000 Menschen.

Als es am Rhein noch rauchte
Als es am Rhein noch rauchte · Rhein Bewegt

Heute beherbergt das Gelände Arbeitsplätze, Veranstaltungsräume, Gastronomie und Freizeitangebote. Historische Hallen wurden umgebaut und teilweise unter Denkmalschutz gestellt. Wo früher Draht und Kabel gefertigt wurden, finden inzwischen unter anderem Konzerte und Kulturveranstaltungen statt.

Düsseldorf: Vom Waschmittel zum Quartier

Schwanenhöfe: Eine Marke bleibt im Namen

1897 entstand an der Erkrather Straße in Düsseldorf-Flingern eine Produktionsstätte für Seifenpulver. Der Chemiker Ernst Sieglin entwickelte gemeinsam mit dem englischen Chemiker Richard Thompson ein neues Waschmittel. Es wurde als Dr. Thompson’s Seifenpulver vermarktet. Ein weißer Schwan auf roter Verpackung diente als Markenzeichen.

2011 entstand auf dem historischen Gelände das Quartier Schwanenhöfe. Zehn Gebäude mit unterschiedlicher industrieller Vergangenheit verbinden heute historische Architektur mit Unternehmen, kreativen Arbeitsbereichen, Gastronomie und Veranstaltungsangeboten. Der Name erinnert an das Waschmittel und sein Schwanenmotiv.

Bonn-Beuel und Ramersdorf: Industrie mit neuen Aufgaben

Auch rechts des Rheins in Bonn-Beuel und im benachbarten Ramersdorf prägten Fabriken die Entwicklung. Dort entstanden Betriebe unter anderem für Zement, Jute, Tapeten, Chemikalien und Lebensmittel. Drei Beispiele zeigen, wie verschieden das Ende der Produktion aussehen kann.

Bonner Bogen: Einzelne Gebäude bleiben erhalten

1858 nahm in Bonn-Ramersdorf eine Zementfabrik den Betrieb auf. Sie gehörte zu den frühen bedeutenden Herstellern von Portlandzement in Deutschland; der Industrielle Hermann Bleibtreu trieb die Entwicklung des Standorts entscheidend voran. 1987 endete die Produktion. Die meisten Fabrikgebäude wurden abgerissen, erhalten blieben unter anderem die Rohmühle, ein Wasserturm und die ehemalige Fabrikantenvilla.

Seit Beginn der 2000er-Jahre entwickelte sich auf dem Gelände ein Quartier mit Büro- und Dienstleistungsstandorten. Die sanierte Rohmühle wurde durch moderne Architektur ergänzt und beherbergt heute Büroflächen und Gastronomie. Der Bonner Bogen zeigt damit einen anderen Weg als ein vollständig erhaltenes Fabrikareal: Einzelne historische Gebäude stehen in einem grundlegend veränderten Umfeld.

Brotfabrik Beuel: Produktion wird Kultur

August Osberghaus gründete 1903 die Germania-Brotfabrik in Bonn-Beuel. In den 1970er-Jahren konnten dort bis zu 1.200 Brote pro Stunde hergestellt werden. 34 Lieferfahrzeuge belieferten täglich Hunderte Kunden. 1984 wurde die Produktion eingestellt.

Schon 1986 begann in dem Gebäude der Spielbetrieb. Künstlerinnen und Künstler nutzten Räume für Theater, Film und kulturelle Veranstaltungen. Aus der Fabrik wurde ein Kulturzentrum mit Theater, Kino, Tanz und weiteren Angeboten. Der Ort blieb Treffpunkt, obwohl dort kein Brot mehr produziert wurde.

Jutefabrik Beuel: Vom Textilbetrieb zum Theater

An der Siegburger Straße in Beuel entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine große Jutespinnerei und Weberei. Aus Jute wurden Säcke, Gewebe und Verpackungsmaterial für Handel, Landwirtschaft und Industrie hergestellt. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten zeitweise bis zu 1.500 Menschen im Betrieb.

Später stellte das Unternehmen auf andere Materialien um und produzierte unter anderem Kunstleder, Bodenbeläge und Kunststoffprodukte. 1980 endete der Betrieb. Die Stadt Bonn übernahm das Areal und nutzte Teile der Gebäude für Theater- und Werkstattzwecke. Seit 2016 befindet sich dort auch das Pantheon-Theater.

Beim nächsten Blick auf alte Hallen

Die sieben Standorte erzählen keine einheitliche Erfolgsgeschichte. Manche Fabrikgebäude verschwanden weitgehend, andere wurden umgebaut oder erhielten eine kulturelle Nutzung. Auch die Arbeitsgeschichte gehört dazu: Schichtpläne strukturierten den Alltag ganzer Familien; die Arbeit war häufig körperlich anstrengend und mit Lärm, Staub oder gefährlichen Bedingungen verbunden. Rund um viele Betriebe entstanden Wohnviertel, Gaststätten, Geschäfte und Vereine.

  • Achten Sie auf Backstein, Stahlkonstruktionen und erhaltene Schornsteine: Sie können Hinweise auf die frühere Nutzung geben.
  • Vergleichen Sie alte und neue Gebäudeteile. Am Clouth-Quartier und am Bonner Bogen lässt sich sehen, wie historische Bausubstanz in neue Quartiere eingebunden wurde.
  • Beziehen Sie auch die Beschäftigten mit ein: Hinter jeder Halle stehen Arbeitsplätze und persönliche Lebensgeschichten, nicht nur Architektur.

Für einen regionalen Blick bietet sich der Vergleich an: Das Areal Böhler an der Grenze zwischen Düsseldorf und Meerbusch steht für die Weiterentwicklung eines ehemaligen Stahlwerks. Die Beispiele in Köln und Bonn zeigen andere Möglichkeiten – vom Wohnquartier bis zum Kulturzentrum. Zusammen machen sie sichtbar, wie stark die Städte am Rhein von ihrer Industrie geprägt wurden und wie unterschiedlich dieses Erbe heute weiterlebt.

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